November 27
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The Reader
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Bernhard Schlink (German)

Bei Figuren oder Person findet im Laufe eines Werkes oft eine Entwicklung statt. Wie wird das gezeigt und was wird damit bewirkt?

Erörtern sie anhand der gelesenen LektĂŒre dieses Aussage (1000 Wörter)

Kinder, die ihrer Eltern verurteilen und zu Rechenschaft ziehen mĂŒssen - Ein Dilemma der Nachkriegszeit und der Zweiten Schuld, welche in dem internationalem Beststeller-Roman "Der Vorleser", verfasst von Bernhard Schlick und veröffentlicht in Jahr 1995 dramatisch und außergewöhnlich aus Nazi-begĂŒnstigter Perspektive dargestellt werden. Leser begleiten Michael auf seiner fiktionalen "autobiografischen" Lebensgeschichte, wie er durch drei Lebensabschnitte zu einem erfolgreichen Juristen aufwĂ€chst. WĂ€hrenddessen wird er Teil einer tragischen Liebesgeschichte mit Hanna, einer ehemaligen NS-WĂ€chterin wird, welche der Besessene spĂ€ter misslingt fĂŒr ihre Untaten persönlich zu Verurteilen. Wie stark beeinflusst Michaels Liebe zu Hannah seine Persönlichkeit und seinen Werdegang. Und inwiefern verĂ€ndert diese Beeinflussung Michaels FĂ€higkeit ihre Schuld und damit reprĂ€sentativ die Schuld der Ă€lteren Generation in Frage zu stellen?
"Als ich fĂŒnfzehn war hatte ich Gelbsucht" [S. 15]. Die Erste Zeile des Buches beschreibt Michaels schwache und kranke Kindheit. Er ist 15, und wird von Hanna Schutz oft als mit dem Kosenamen „Jungchen“ versehen. Er sieht sich selbst als unreif, wirkt nicht "souverĂ€n" und reagiert wie ein weglaufendes Kind als Hanna ihn beim Beobachten erwischt. Dieses Verhalten selbst fĂŒhrt zu seinem Erstaunen und einer gewissen Verachtung. „Er sei ja mittlerweile 15, nicht mehr neun“.
Sein Selbstbild verĂ€ndert sich, als Michael durch Hannas Liebesbeziehung zu ihr seine Kindheit verliert. Die "MĂ€nnlichkeit", welche er durch den sexuellen Akt mit Hanna gewonnen hat, prĂ€gt ihn schlagartig. "Dazu kam, dass ich die MĂ€nnlichkeit, die ich erworben hatte, zur Schau stellen wollte " [S. 29]. Diese Erkenntnis bewegt Michael schlussendlich selbst wieder, die Schule besuchen zu wollen, was zu einem Argument mit der beunruhigten Mutter fĂŒhrt. Sie will ihn lĂ€nger zu Hause behalten, eine mĂŒtterliche Bevorzugung, welche er vorher schon oft begrĂŒĂŸt hatte. "Warum [hat] mich meine Mutter immer so verwöhnt?" [S. 41]. Dieses "wohlige GefĂŒhl der WĂ€rme und des Genusses”, das er erlangte, zusammen mit der Krankheit ließ ihn Weich und schwach werden [S. 41 folgend]. Er gab auf, sich gegen seinen Bruder verbal zu wĂ€hren und zu prĂŒgeln, und sah sich immer mehr in einer Opferrolle. Ein Wendepunkt dieses MĂŒtter-söhnlichem Verhalten gelingt mit dem Gewinn seiner MĂ€nnlichkeit und seinem Stolz, und seinem Verlangen dies zur Schau zu stellen.
"ich fĂŒhlte mich kraftvoll und ĂŒberlegen und wollte meinen MitschĂŒlern und Lehrern mit dieser Kraft und Überlegenheit gegenĂŒbertreten“ [S. 41]. Diese, fĂŒr seine Alter ungewöhnlich frĂŒhe MĂ€nnlichkeit, gibt ihm viel Selbstbewusstsein. "Ich staune, wie viel Sicherheit Hanna mir gegeben hat. [
] Die MĂ€dchen, denen ich begegnete, merkten und mochten, dass ich keine Angst vor ihnen hatte. Ich fĂŒhlte mich in meinem Körper wohl“ [S. 41]. Er entkommt immer mehr seiner Opferrolle, und beginnt an Beliebtheit zu gewinnen. Er verliert die Angst vor dem weiblichen Geschlecht, und gewinnt gleichzeitig positive SelbsteinschĂ€tzung, wie er sie noch nie in seinem Leben gehabt hatte. Trotzdem ist er immer noch Klassenschlechtester, und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ohne Klassenversetzung.
Er nimmt seine Schulpflicht nicht ernst. Trotz dem Gewinn seines Selbstbewusstseins sieht er sich immer noch als faulen Versager. "Ich bleibe sowieso sitzen" [S. 36]. Er mĂŒsste "wie blöd arbeiten", außerdem sei deine "Schularbeit dumm und nutzlos". Dieses GestĂ€ndnis gegenĂŒber Hanna fĂŒhrt zu einem Ihrer WutanfĂ€lle, in welchem sie die Eintönigkeit und Dummheit ihrer Arbeit demonstrierte. "Wer braucht noch einen Fahrschein? [...] Blöd? Du weißt nicht, was blöd ist" [S. 36]. Das VerstĂ€ndnis von Jobs, welche Resultat von einem schlechten Abschluss sind, und Hannas aussetzen des Sexuellen Aktes, welchen Sie fĂŒrs nicht lernen aussetzt, Wandeln Michael zu der Ambition ein Top SchĂŒler zu sein.
Michael ĂŒbernimmt nun immer mehr Kontrolle von deren Beziehung. Er bestimmt Radwege, bestellt in Restaurants, und bucht Übernachtungen. Auch wenn sich dies spĂ€ter als Ergebnis ihres Analphabetismus herausstellt, stĂ€rkt es weiter seine SelbststĂ€ndigkeit und /-bewusstsein. "Wir liebten uns nun gegenseitig", zeigt wie Michael Kontrolle ĂŒber ihre sexuellen Akte ĂŒbernimmt. Dies aber jedoch immer mit guten Absichten wie "Ich habe mich in sie verliebt" [S. 28] erklĂ€ren kann. Einen Zettel, welcher auf einer gemeinsamen Reise Michaels kurzes Weggehen zum Brötchen und Blumen kaufen erklĂ€ren soll, verschwindet. Die aufgebrachte Hanna zĂŒchtigt Michael, obwohl er frisches Essen und Blumen mitgebracht hat. Trotz ihres komplett unbegrĂŒndeten Wutanfalls, und ihrer unbegrĂŒndeten Aggression gegenĂŒber Michael, nimmt er im Nachhinein die komplette Schuld fĂŒr den Zwischenfall auf sich. "War alles nur ein MissverstĂ€ndnis gewesen, ihre Wut, meine geplatzte Lippe, ihr wundes Gesicht, meine Hilflosigkeit?" [S. 56]. Dies ist ein Beispiel von vielen, wo Michael grundlos Schuld auf sich nimmt, um die Beziehung mit Hanna aufrecht zu halten. Wie viel Schuld ĂŒbernimmt er, bevor es ihm zu viel wird. Und wieviel Schuld ist verzeihbar? Eine perfekte Initiierung Schlinks der Prinzipien der Zweiten Schuld. Michaels Besessenheit und damit seine eigene Blindheit zur RealitĂ€t zeigen hier ihre ersten Auswirkungen.
Hanna prĂ€gt Michael sogar bis nach ihrem Verschwinden. Michael versucht, dieses Ereignis zu kompensieren, indem er in bestimmte Verhaltensmuster „flĂŒchtet“. "Ich gewöhnte mir ein großspuriges, ĂŒberlegenes Gehabe an, ich prĂ€sentierte mich als einen, den nichts berĂŒhrt, erschĂŒttert, verwirrt" [S. 84]. In dieser Zeit verhĂ€lt er sich anderen Menschen gegenĂŒber sehr arrogant und ĂŒberheblich: "Ich erinnere mich an meinen Großvater, der mich bei einem meiner letzten Besuche vor seinem Tod segnen wollte und dem ich erklĂ€rte, ich glaube nicht daran und lege darauf keinen Wert" [S. 85]. Dies kann als erster Versuch Michaels angesehen werden, sein Verhalten zur Kompensation der Verletzung, welche er durch das Verschwinden von Hanna erhalten hat, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen.
Ein weiterer Versuch ist seine Hochzeit mit Gertrud, welche Ehe wenige Zeit spĂ€ter mit der Scheidung endet. Michaels "Beuteschema" von Frauen formt er aus Hanna. Jede andere Beziehung ist nur ein weiterer Versuch mit Hanna zusammenzukommen, oder zumindest, jemandem so Ă€hnlich wie Hanna zu finden. Er hat es nie geschafft, ĂŒber seine erste Beziehung hinweg zu kommen, und vergibt damit die Chance auf eine bessere Zukunft. "Meine spĂ€teren Beziehungen habe ich besser an- und einzugehen versucht. Ich habe mir eingestanden, dass eine Frau sich ein bisschen wie Hanna anfassen und anfĂŒhlen, ein bisschen wie sie riechen und schmecken muss, damit unser Zusammensein stimmt.“ [S. 165]. Jede Beziehung kann gut sein, jedoch niemals seinem Ideal entsprechen.
Im dritten Teil des Romans sind seine narzisstischen und abweisenden Verhaltensmuster anfangs noch vorhanden. Nachdem er Hannas Prozess verarbeitet hat und ihre Beziehung sich wieder leicht aufbaut, tritt Michael mehr und mehr in ein normales Leben ein. Er schickt ihr Memos von vorgelesenen BĂŒchern, reagiert aber auf das Erlernen des Schreibens von Hanna in Form von Briefen nicht. Er redet sich ein mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben, trĂ€umt aber nach ihrem Tod weiterhin von der gemeinsam verbrachten Zeit.
Abschließend kann gesagt werden, dass Michaels Entwicklung und seine damit verbundene frĂŒhreife MĂ€nnlichkeit ihm anfangs gewisse Vorteile verschafft, ihm seine heutige Karriere und Anerkennung ermöglicht hat, aber auch fĂŒr alle seine spĂ€teren Probleme, jede Beziehung zu Hanna zu vergleichen verantwortlich ist. Das Resultat ist ein frĂŒhreifer Jugendlicher, der die KomplexitĂ€t der NS-Vergangenheit nicht versteht und gemessen verurteilen kann. Er reprĂ€sentiert Millionen von Deutschen, welche es spĂ€ter nicht schaffen, ihre Vorfahren zu verurteilen. Hanna ist die Basis fĂŒr sein erwachsenes Dasein und seinen Werdegang. Michael durchgeht in seinem Leben viele drastische VerĂ€nderungen, welche alle Teil seines heutigem ich's darstellen.